Gemeinde Claußnitz

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Im Nachbarland Frankreich war 1789 die Revolution ausgebrochen. Auch in den deutschen Ländern war die Bevölkerung über die Ereignisse der Zeit informiert.

In Türks Heimat Claußnitz versammelten sich 1790 die Bauern an der Zehntscheune, die zwischen der Kirche und dem gegenüberliegenden Naumannschen Gut lag. Zusammen mit 1200 Bauern aus siebzehn anderen Orten zogen sie nach Wechselburg, um dem Grafen Fron, Zins und Schafweide aufzukündigen. Doch der Aufstand wurde vom Militär niedergeschlagen.

Es kann davon ausgegangen werden, dass D.G.Türk als vielseitig gebildeter Mann und Leser philosophisch –aufklärerischer Bücher über die Ereignisse seiner Zeit gut informiert war. Manchen Gedanken der Aufklärung, besonders der reformpädagogischen Schriften des französischen Schriftstellers Rousseau hatte er sicherlich frühzeitig in sich aufgenommen. Ein besonderes vordergründig aktiv politisches Engagement ist bei Türk, der in seinem Wesen zurückhaltend und oft selbstzweiflerisch war, aber nicht festzustellen.

Stattdessen äußert sich seine Einstellung in seinem Wirken als Lehrer und Musiker. Entsprechend den Werten der Aufklärung gehörten Wissen und Bildung zum allgemein zugänglichen Gut des Volkes.  Türk hat nicht nur begabte Schüler aus verschiedenen Schichten direkt gefördert, sondern nicht zuletzt Übungsstücke und theoretische Lehrwerke geschrieben, die sowohl musikbegeisterte Laien als auch musikwissenschaftliche Kenner ansprachen.

Nach "Von den wichtigsten Pflichten eines Organisten" gab Türk im Jahre 1789 sein zweites und bedeutendstes theoretisches Lehrwerk heraus. Der Titel der 400-seitigen Abhandlung lautet "Klavierschule , Klavierschule von D.G.Türk 1789oder Anweisung zum Klavierspielen für Lehrer und Lernende, mit kritischen Anmerkungen, nebst zwölf Handstücken".   Vor ihm hatte es bereits kleinere Klavierschulen von anderen Autoren gegeben, die aber oft nur einzelne Bereiche der Klavierspielkunst berücksichtigten. Türks Klavierschule hingegen ist äußerst umfassend. Er unterzog das klavierpädagogische Wissen seiner Zeit einer tiefgründigen Kritik und verknüpfte es mit seinen eigenen umfangreichen Erfahrungen. Dabei wagt er in seinem Lehrbuch einen Spagat. Durch entsprechende Markierung kennzeichnet er jene Textstellen, die für den Schüler (Liebhaber), den Lehrer oder den Musikwissenschaftler (Kenner) geschrieben sind. Zunächst werden natürlich die einfachen Grundlagen der Notenlehre und Tonartkenntnis behandelt. Beispielsweise rät er zur Mitverwendung des Daumens beim Spiel. Das war damals noch nicht so üblich. Für das exakte Tempo gibt Türk ein Auszählen mit der Uhr an, denn Metronome waren zwar bekannt, aber zuverlässige Apparate wurden erst 1814, im Jahr nach seinem Tode entwickelt.

Türk wollte seine Leser dazu anregen, sich Gedanken über eine dem jeweiligen Thema des Musikstückes angemessene Spielweise zu machen. Den richtigen Charakter des Stückes zu finden war oberstes Ziel. Die Frage nach der besten Spielweise und dem Charakter einer Komposition blieben zeitlebens Kernpunkte in Türks Schaffen.

Obwohl Türk auf alle damals bekannten Tasteninstrumente eingeht, bevorzugt er das etwas metallisch klingende Clavichord, ein Instrument, das eine sehr sensible Spielweise verlangt und gern als Übungsinstrument zur Vorbereitung auf die Orgel genutzt wurde.

Treffend erscheint die Rezension von Johann Friedrich Naue (Komponist von "Bunt sind schon die Wälder") in der "Musikalischen Monatsschrift 1792", wenn er schreibt:

".... Türk liefert mit diesem Werk eine Anweisung, die durch ihre Vollständigkeit, Gründlichkeit und Faßlichkeit fast alle bisher in Gebrauch gewesenen Anweisungen zum Klavier entbehrlich macht".

Die Klavierschule erlebte noch lange zahlreiche überarbeitete Nachdrucke, auch gab es eine gestraffte und kostengünstige "Kurze Klavierschule".

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war sie Standard in der anspruchsvollen Klavierausbildung. Die originalgetreuen Nachdrucke, wie sie auch in der Claußnitzer Heimatstube gezeigt werden, sind heute Leitfaden zur Spielweise alter Musik.

D.G. Türks drittes theoretisches Lehrwerk war die 1791 erschienene "Kurze Anleitung zum Generalbaßspielen." Türk ließ sich allgemein keine Gelegenheit entgehen, einen Lehrstoff mit absoluter wissenschaftlich –pädagogischer Tiefgründigkeit zu behandeln.  Bereits die erste "Kurzausgabe" hatte diese Anforderung weitgehend erfüllt. Warum Türk jedoch zunächst  die Form einer verkürzten Ausgabe  wählte, lässt sich nur erahnen. Ein verkürztes Lehrbuch erreichte sicher einen größeren Interessentenkreis, letztlich damit auch höhere Verkaufszahlen.  Bald nach dem Erscheinen kam es wie allgemein üblich zu ersten Rezensionen in der Presse. Durchaus gab es für die Erstauflage einige gute Kritiken. Es gab aber auch besonders eine Gegenstimme.  Aus der anonymen Schmähkritik eines Herrn "Bsw" lässt sich keine seriöse Argumentation, dafür aber viel mehr persönliche Missgunst ablesen.

Nun war Türk ja selbst Musikkritiker bei verschiedenen Blättern. In der Gepflogenheit der damaligen Zeit waren diese Kritiken immer anonym, regten aber mittels der Zeitung zum Dialog an. Türk aber war hier offensichtlich an einen unsachlichen Gegenspieler geraten, der die Anonymität nutzte, um ihn zu diskreditieren.

Türk konnte die unlautere Kritik an seiner " Kleinen Anleitung zum Generalbaßspielen " in nahezu allen Teilen bravourös widerlegen. Es zeigte sich, dass er tiefgründiger Kenner der Meinungen und Schriften aller Musikwissenschaftler seiner Zeit war. Im späteren Nachruf wird von Friedrich Maaß, gerade Türks "ängstliche Genauigkeit" und Absicherung bei fachlichen Autoritäten betont.

Ursprünglich hatte der "Kleinen Anleitung zum Generalbaßspielen" sehr bald eine "Große Anleitung" folgen sollen. Für D.G.Türk war die Kritik aber in solchem Maße Herausforderung geworden, dass er das Werk erweiterte, inhaltlich straffte und mit genauesten Definitionen versah.

Die 2. wesentlich überarbeitete und erweiterte Ausgabe erschien als "Anweisung zum Generalbaßspielen" erst im Jahre 1800. Das Werk beschreibt den Generalbass als den in einem Musikstück fortlaufenden Bass (Basso continuo). Der Generalbass steht im Notenzeilensystem in der untersten Stimme, im Basstonschlüssel notiert. Dazu sind Ziffern angegeben, welche die für eine harmonische Begleitung zu spielenden Akkorde bezeichnen. Das Generalbassspiel ist typisch für die Barockzeit, sie wird deshalb auch als Generalbasszeit (um 1600-1750) bezeichnet. 

Eigentlich war der Höhepunkt der Basso  continuo Spielweise seit dem Tode Joh. Seb. Bachs (1750) bereits überschritten. Andererseits erfolgte in der zerrissenen Übergangszeit, in der Türks Schaffen liegt, aber offensichtlich noch eine eifrige Auseinandersetzung mit dieser Form. Letztlich wurde Daniel Gottlob Türks "Anweisung zum Generalbaßspielen" sein musik-wissenschaftliches Spitzenwerk. Bis 1841 erlebte es teilweise mit Ergänzungen des Türk-Schülers Johann Friedrich Naue zahlreiche Neuauflagen und Ergänzungen.

Nicht zuletzt ist der hohe pädagogische Wert daran abzulesen, dass Ludwig van Beethoven im Jahre 1808 Türks "Anweisung zum Generalbaßspielen" zur musikalischen Unterweisung des damals 15- jährigen Rudolf von Österreich verwendete. (dpc)

 
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