Gemeinde Claußnitz

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Nichts lieber als Musik hätte der nun 22- jährige D. G. Türk im Jahre 1772 studiert, aber das war zu dieser Zeit nicht möglich.

An keiner Universität im deutschen Raum gab es damals eine Universitätsausbildung im Fach Musik. Türk hatte beim Kreuzkantor Homilius in Dresden innerhalb von sieben Jahren eine hervorragende Ausbildung, vor allem in der alten Barockmusik erhalten. Meist reichte eine solche Ausbildung bei den Kruzianern in Dresden oder den Leipziger Thomanern schon für eine gute Stelle in einem der damaligen Orchester. Die Mehrheit der Musiker aber wurden am Ende des 18. Jahrhunderts noch handwerklich in den Zünften der Stadtpfeifer ausgebildet. Auch dieser Immatrikulation 1772 Uni Leipzigpraktische Unterricht bei einem Musikmeister hatte durchaus seinen Anspruch. Die Lehrlinge erhielten in einer fünf- bis achtjährigen Lehrzeit eine Unterweisung in mehreren Blas-, Streich-, Zupf- und Tasteninstrumenten.  Die Violine gehörte immer dazu.

Zur Sicherung der Qualität durfte ein Meister niemals mehr als drei Lehrlinge haben. Auch gab es eine Art Wanderschaft, um die Spielweise anderer Orchester kennenzulernen. Letztlich genügte die Spielweise dieser "Handwerkermusik" nach 1780 aber immer weniger. Mit der Vielfältigkeit der musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten in der nun einsetzenden Stilrichtung der "Wiener Klassik" (1780-1830, Haydn, Mozart, Beethoven) war eine gründliche theoretische Auseinandersetzung mit den Musikwerken erforderlich. Türk hat in seinem theoretisch-pädagogischen Lebenswerk später gerade hierzu in besonderer Weise beigetragen.

Wenn Musik an der Universität auch nicht direkt gelehrt wurde, so spielten viele der Studenten neben ihren Vorlesungen in einem Orchester. Nicht wenige Studenten, die eigentlich eine musikalische Ausbildung anstrebten, schrieben sich deshalb in einem studierbaren Fach, z. B. Jura, Theologie oder Medizin ein. Türks Immatrikulation erfolgte am 10. November 1772 an der Universität Leipzig. In welchem Fach war bisher nicht geklärt. Es konnte aber jetzt festgestellt werden: Rector Henrico Borzio, bei dem sich der Student Türk im Wintersemester 1772/73 einschreibt, war Professor für Mathematik. Aus dem Gesamtlebensbild Türks kann ersehen werden, dass er versessen darauf war, sich neben der Musik auch eine hohe Allgemeinbildung anzueignen. Zeit seines Lebens war ihm bewusst, dass er seine Laufbahn besonders einem Übermaß an akribischem Lernfleiß zu verdanken hatte.

Etwa 20 Jahre später logiert als Student Johannes Daniel Falk, der Dichter des uns als Weihnachtslied bekannten "O du fröhliche" bei Professor Türk in Halle. Falk nennt    seinen Herbergsvater, wenn auch mit gewisser jugendlicher Spöttelei einen "Cantianer, Philosoph, Poet, Jurist, Belletrist, Historicus, Mathematicus, Musicus, Maler, Theolog, Astronom, Pädagog und Philolog. Dieses Wissen wird Türk zum großen Teil während seines Studiums in Leipzig erworben haben. 

Zu regulären Studienfächern finden sich in den Archiven jedoch nach der Immatrikulation keine Nachweise mehr. Es wird angenommen, dass er vor allem diejenigen Vorlesungen besuchte, die in irgendeiner Beziehung zum späteren Beruf in der Musik hatten. Türks Ausbildung hatte damit eine gewisse Ähnlichkeit mit einem heutigen Magister-Studiengang.

Eine andere Sache war freilich seine spielerische Vervollkommnung und das Sammeln von Erfahrungen in der Aufführungspraxis eines Orchesters. Dazu hatte Kreuzkantor Homilius seinen Schüler Türk an den Leipziger Johann Adam Hiller (1728- 1804) empfohlen. Hiller war zu Türks Zeit Musiklehrer und betrieb in Leipzig seit 1771 eine Musikschule, nach neuem italienischem Vorbild. Eine Besonderheit war, dass er auch Frauen an seiner Schule unterrichtete. Zuvor wurden Frauenstimmen von Knaben oder Kastraten gesungen.  

Jetzt, als sich die neue Musik "im eleganten Stiel" verbreitete, stellte Hiller fest: "Ein jeder singt, doch die meisten singen schlecht". Sein Anliegen war es, musizierende Laien so genannte "Liebhaber" oder "Dilettanten" zur anspruchsvollen Musikausübung zu befähigen. Den Studenten Türk hat J.A. Hiller in besonderer Weise geprägt. Später in Halle übernahm Türk sehr ähnliche Aufgaben wie sein Lehrer. 

J.A. Hiller hatte in Leipzig auch die erste deutsche Musikzeitschrift "Der musikalische Zeitvertreib" herausgegeben. Der uns heute etwas eigenartig vorkommende Titel seiner Zeitschrift ist typisch für die Situation in der Musik jener Zeit. Musik wurde jetzt nicht nur an Adelshöfen, Kirchen oder von Stadtkapellen (Ratsmusik), durch berufsmäßige Musiker ausgeübt, sondern gelangte, wie auch Literatur, nun "als Zeitvertreib" reicher und gebildeter Bürger, ins Volk.

Gleich nach Ende des Siebenjährigen Krieges (1763) hatte Hiller in Leipzig eine besondere Konzertform wieder ins Leben gerufen. Es handelt sich dabei um das sogenannte "Große Conzert". Daraus ist das heutige Gewandhausorchester entstanden. Unter diesem "Großen Conzert" war zunächst ein Musikverein zu verstehen. Ursprünglich von Kaufleuten gegründet, sollte er Gewinn erwirtschaften. Die damalige Finanzierung für solche Unternehmungen war die Subskription. Dazu zahlten die Zuhörer zunächst für ein Jahr im Voraus einen Beitrag und erhielten dann den verbilligten Zugang zum Konzert.

Weiterhin verstehen wir unter dem "Großen Conzert" das Orchester. Es bestand einerseits aus berufsmäßigen Stadtmusikern und mitunter sogar zum größeren Teil aus befähigten Studenten. Auf alle Fälle wurde Professionalität angestrebt. Ein Teil der Studenten wollte sich durch die Mitwirkung im Orchester musikalisch weiterbilden, der andere Teil sich sein Studiergeld erarbeiten. Auf Türk traf beides zu. Er spielte bei den Aufführungen oft die erste Violine.  Der Erste Geiger war zugleich Konzertmeister und spielte nicht nur die Violin-Solostellen, sondern war damals auch Orchesterführer und erfüllte Leitungsaufgaben, die heute dem Dirigenten zukommen.

Große städtische Konzerthallen gab es noch nicht. Man spielte in Gasthofsälen. Das" Große Conzert"war anfangs noch instrumental geprägt, erst später kamen teils bedeutende weibliche Singstimmen dazu. Zur Aufführung gelangten dann neueste Singspiele und Stücke aus italienischen Opern. Gespielt wurde nicht nur für den eigenen Konzertbetrieb, sondern auch zu städtischen und kirchlichen Anlässen.

Ein zweites berufsmäßiges Orchester bestand am Schauspielhaus, auch hier wirkte Türk als Geiger. In Leipzig konnte er außerdem bereits Erfahrungen als Chorleiter sammeln. 1773 hielt sich 3 Monate lang der bekannte Musikdirektor Johann Wilhelm Häßler in Leipzig auf.  Häßler, der ursprünglich auch Strumpfwirker gelernt hatte, unterrichtete Türk nach dem Vorbild Philipp Emanuel Bachs Klavierschule: "Versuch über die wahre Art das Klavier zu spielen".

Daniel-Gottlob-Türks Studium von 1772 -1774 in Leipzig, ist nicht untypisch für seine Zeit. Auf Umwegen erwirbt er sich an der Universität Wissen in einem Fach, das man eigentlich noch nicht studieren kann. Er erlebt den Anbruch und die Veränderungen durch das bürgerliche Zeitalter. In der Beschäftigung mit der neuen Philosophie Immanuel Kants sucht er einen Ausgleich zwischen idealistischem und materialistischem Denken. Die Mathematik als objektive Naturwissenschaft führt ihn zur Berechnung seiner Musikstücke. Erste Kompositionsversuche Türks aus dieser Zeit waren zwei Sinfonien und eine Kantate. Sie sind in seinem Nachlass noch vorhanden gewesen und sein Freund Maaß nennt sie in Türks Nachruf "... als Werke eines Anfängers nicht schlecht". Türk aber hielt sie selbst für unvollkommen und hat sie nie herausgegeben. 

Im Verlaufe der Leipziger Zeit wurde aus seinem Familiennamen Türcke – Türk. Der Name wird vereinfacht. Vor allem das "-e" an seinem Namen, das einige seiner Grünaer Verwandten noch um 1830 trugen, erscheint in der weltoffenen Messestadt altmodisch. 

Ob er während seines Studiums noch an Claußnitz gedacht hat? Vielleicht hat sich der unvermögende junge Student im Teuerungs-und Hungerjahr 1772 auch manchmal nach zuhause gesehnt. Vielleicht hat er sich dann bei einem Bauern, der in Richtung Rochlitz fuhr auf den Wagen gesetzt, dem Kutscher zum Dank ein Lied gespielt und ist für ein paar Wochen in die alte Heimat gefahren.   Wir wissen es nicht. (dpc)   

 
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