Gemeinde Claußnitz

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Daniel Gottlob hatte einen kurzen Schulweg. Vom kleinen Strumpfwirkerhaus seines Vaters, links am Beginn der heutigen Chemnitzer Straße, gelangte er schnell über die hölzernen Bohlen der so genannten ,"Geeßbrücke". Nur die Seiten unserer heutigen Angerbrücke waren damals mit Mauern begrenzt. Rechts am Anger, über den der junge Türk ging, stand damals noch das Gut des "Oberen Gasthofes", das war das alte "Weiße Roß". Am Unterrand des Kirchhofes, schräg oberhalb des Hauses "Anger 2" (Jan Kösters) lag die Kirchschule. Etwa an dieser Stelle befindet sich der Mittelteil der jetzigen "Alten Schule".

Die Kirchschule war die erste nachweisbare Claußnitzer Schule und wurde 1831 vollständig abgerissen. Abbildungen sind nicht vorhanden. Den einzigen Hinweis zu ihrem Aussehen finden wir in einem späteren Brief Lehrer Langes an die Claußnitzer Kircheninspektion. Der Lehrer berichtet von der 1816 erfolgten Rekonstruktion ausdrücklich vom Bau einer (neuen) "steinernen" Schulstube. Wahrscheinlich hat es sich  bei der "Alten Kirchschule" noch um ein Ständerfachwerkhaus oder gar um ein Umgebindehaus mit Holzbohlenstube gehandelt. Der genannte Bau der "steinernen Schulstube“ wäre damit vielleicht als Erneuerung der Bohlenstube anzusehen. Umgebindehäuser waren  besonders vor der Holzverknappung im 16./17. Jhdt. auch in unserer Gegend üblich. Oft stand in der Bohlenstube der Webstuhl.

Als Daniel Gottlob die Schule besuchte, herrschte hier seit 1728 der alte Schulmeister Johann Christoph Esche über etwa 180 Schüler. Erst in Türks letzten Schuljahren kam zur Unterstützung ein zweiter Lehrer hinzu. Schulmeister Esche war ein Sohn des Limbacher Wirkstuhlbauers und Begründers der sächsischen Wirkwarenindustrie Johann Esche. Als Kirchenbediensteter verfügte er über kein fürstliches, aber doch geregeltes Einkommen in Form von Geld, Sachleistungen und Steuerbefreiung.

Hin und wieder erschien unangemeldet Magister Harrbach im Schulhause. Als Pfarrer oblag ihm die kirchliche Schulaufsicht. Obwohl schon seit 1724 eine Anweisung der Obrigkeit zum Schulbesuch für Jungen und Mädchen bestand, hielt sich zu dieser Zeit noch keiner wirklich daran. Wenn ihm im Sommer die Kinder wegblieben, baute Esche als tüchtiger  Mechanikus eben Uhren.

Der Lehrstoff bestand zu dieser Zeit aus Religion, Lesen, Schreiben und etwas Rechnen. Allgemeinbildung und Lebensregeln waren anhand von etwa 350 Sprüchen zu erlernen. Erst 1774, also knapp 10 Jahre nach Türks Claußnitzer Schulbesuch, wurde an den Dorfschulen eine Wochenstunde Erdbeschreibung und Geschichte eingeführt. Auch Daniel Gottlob ist nur im Winter zur Schule gegangen. Während Bauernkinder in der warmen Jahreszeit auf dem Feld gebraucht wurden, erlernte der junge Türk schon frühzeitig das Strumpfwirkerhandwerk bei seinem Vater. Wenn er in späteren Jahren auf seine Kunstfertigkeit beim Orgelspiel angesprochen wurde, verglich er das rhythmische Treten der Pedale gern mit der Arbeit am Strumpfwirkerstuhl. Ausgeprägte Wissbegier, Fleiß und Ausdauer sind charakteristisch für Daniel Gottlob Türks ganzes Leben gewesen. Sicher waren bei ihm diese Eigenschaften schon als Schüler vorhanden. Doch ohne die günstigen Verhältnisse im Elternhaus, die Förderung durch Lehrer Esche, die Fürsprache der kirchlichen Schulinspektion und des Grafen war eine Aufnahme in den Dresdner Kreuzchor nicht möglich. Auf Daniel Gottlobs ausdrücklichen Wunsch brachte ihn sein Vater 1765 an das Kreuzschulgymnasium der sächsischen Landeshauptstadt.

 Doch was ist aus dem alten Claußnitzer Kirchschulhaus geworden?

Um 1800 hatte es (zunächst) ausgedient. Schulehalten war in dem heruntergekommenen Bau auch wegen höherer Schülerzahl nicht mehr möglich. Der Unterricht fand bis 1816 im "Oberen Schankhause" statt. Ob es sich zu dieser Zeit direkt um den Gutshof des alten "Weißen Roß" am Anger handelte oder um ein zum Hof gehöriges kleineres Gebäude zwischen "Roß" und "Hirsch", bedarf der weiteren Forschung.

Im Jahre 1816 kauften die vier Parochialgemeinden das alte Kirchschulhaus und versetzten es in einen ,,angemessenen und brauchbaren Zustand”. Von einem ,,stattlichen Zustand“ ist jedoch nicht die Rede. Bereits 15 Jahre nach der Erneuerung, sicher mit dem Ziel, die Genehmigung für einen Schulneubau zu erhalten, beschrieb der damalige Lehrer Johann Gottfried Lange die Schule in fast kurioser Weise:

,,Es wurde zwar vor mehreren Jahren eine neue steinerne Schulstube gebaut, aber da ist der Grund und die Wände so schlecht, dass das Regenwasser und das Wasser aus den Gräbern eindringt, sodass die Dielen und den Kindern die Bücher verfaulen. Ja, zuweilen lassen sich, wenn die Dielen verfault sind, schädliche und unreine Tiere sehen, z B. Eidechsen pp. (und so fort), welche den Kindern böse Füße verursachen. Es sind die Giebel so schlecht, dass man sich des Regenwassers im Bette nicht erwehren kann und die Hälfte des Daches ist so schlecht, dass vorzüglich auch wegen der schlechten und schwachen Dielen auf dem Boden das Regenwasser bis in die Schulstube an den Wänden hinunterläuft".

Lehrer Lange hatte Erfolg, die alte Kirchschule wurde abgerissen und im Jahre 1831/32 fast an gleicher Stelle das Schulhaus gebaut, das wir als "Alte Schule" kennen und in dessen späterem Anbau sich  unsere Heimatstube befindet. (dpc)

 Claußnitz,  Ortszentrum  um1790

 

1. Haus der Familie Türk
2. Geeßbrücke  (jetzt:  Angerbrücke)
3. Kirchschule
4. Niederer Gasthof (Roter Hirsch)
5. Weißes Roß bis 1884
    5.b "Oberes Schankhaus "(?)
    (zu altem"Weißen Roß" gehörig?)
6. Pfarrgut (abgerissen)

Quelle: Sächsische Landes-und Universitätsbibliothek, Dresden

 
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