Gemeinde Claußnitz

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Im Winterhalbjahr 2016/17 ist in der Heimatstube eine neue Sonderausstellung
zu sehen.

Gezeigt werden Zeichnungen und Gemälde des Claußnitzer Volkskünstlers Oswald
Schuricht (1898 - 1986). Nicht allzu viele Einwohner kennen ihn noch persönlich.

Wer war also dieser Mann, der in der nahen Großstadt seinen Lebensunterhalt als
Retuscheur verdiente und im Heimatort nach Feierabend malte?

Am 28. November 1898 wurde Oswald Schuricht hier in Claußnitz geboren.

Sein Vater August Hermann Schuricht wird im Taufeintrag als "Schlosser und
Hausbesitzer" genannt. Er entstammt damit einer angesehenen Familie im Dorf,
die einst auch Besitzer des "Roten Hirsch" gewesen ist.

Nach dem Schuleintritt 1905 fiel der Junge schon bald durch seine guten
"Lernfortschritte" auf.

Auch "Betragen" und "Fleiß", die in der alten Schule eine große Bedeutung hatten,
waren mustergültig.

Der Rat des Fabrikanten

Frühzeitig entwi
ckelte Oswald ein beachtliches zeichnerisches Talent. Was also sollte aus dieser Begabung werden? Sollte der junge Schuricht gar ein akademischer Maler werden? Man fragte in einem Brief nicht zufällig bei dem Fabrikanten Carl-August Roscher in Mittweida nach.

A. Roscher (1832-1922) war zunächst ein Claußnitzer Strumpfwirkermeister gewesen. Neben der Textilproduktion in Claußnitz und Markersdorf hatte er sehr frühzeitig selbst hochproduktive Textilmaschinen entwickelt und Patente darauf erworben. Schließlich verlegte er sich in seinem Werk in Mittweida ganz auf den Maschinenbau.

Roscher -Senior hat es sich bei der Beantwortung der Anfrage nicht leicht gemacht. Nach Besprechung mit Lehrern und einem akademischen Maler der Technikumsstadt gab er in einem mehrseitigen Brief der Familie für die Zukunft ihres Sohnes folgenden Rat: " Reine Kunst sind in 1000 Fällen eitel Dunst".

Er riet, der begabte Junge sollte zunächst einen künstlerischen Beruf erlernen, mit dem er aber auch seinen Lebensunterhalt verdienen könne. Oswald Schuricht begann dem Rat folgend im März 1914 in der Chemnitzer Kunstanstalt A. Jülich eine Lehre als Positivretuscheur.

Heute würde man den Retuscheur als Bildbearbeiter oder Werbegrafiker bezeichnen. Man arbeitet dabei mit virtuellen Ebenen am Computer.

Damals war das noch reine künstlerisch-technische Handarbeit. Mit der Retusche wurden beispielsweise Maschinenteile oder andere Waren auf Fotografien so aufgearbeitet, geschärft und von ihrem Hintergrund freigestellt, dass sie ein werbewirksames Produktbild ergeben konnten. Das verlangte neben künstlerischem Empfinden und handwerklichem Geschick auch profunde Kenntnisse in Fotografie und den verschiedenen Drucktechniken.

Schon zu seiner Lehrzeit zeigten sich künstlerischer Ehrgeiz und der Geschäftssinn des jungen Mannes. Überliefert ist die Zeichnung einer Postkarte vom Claußnitzer Schützenfest. Den Antrag zum Verkauf der Ansichtskarte musste für den noch nicht volljährigen Künstler Vater Schuricht bei der Claußnitzer Ortsbehörde stellen.

Vorzeitig ausgelernt - für den Krieg

1916 war für den nun gerade achtzehnjährigen die Lehrzeit zu Ende. Der Erste Weltkrieg verlangte nach Rekruten. Er lernte vorzeitig mit bestem Zeugnis aus.

Als junger Soldat nahm er 1917 und 1918 an verheerenden Schlachten sowie an mehreren Kämpfen teil und geriet 1918 als Gefreiter in französische Gefangenschaft. Die Schrecken der Kriegsjahre hat der empfindsame junge Mann wohl später in seinem Inneren verschlossen, da gibt´s nichts zu erzählen sagte er, wenn ihn spätere Generationen danach fragten.

In der wirtschaftlich schwierigen Zeit der Reparation, Staatsverschuldung und Inflation nach dem Kriege arbeitet er 1921 zunächst im erlernten Beruf bei der Firma Richard Müller in Chemnitz. Auf eigenen Wunsch trat er nach einem reichlichen Jahr wieder aus der Firma aus.

Auf den gut qualifizierten Fachmann wartet ab Sommer 1921 sofort wieder eine Anstellung bei den Retuschierwerkstätten der Chemnitzer Firma Zimmermann. Er ist zunächst mit der Bearbeitung von technischen Zeichnungen und Maschinenabbildungen beschäftigt, bis auch diese Firma in wirtschaftliche Schieflage gerät und einen Großteil ihrer Belegschaft entlassen muss. Im Dezember 1923 trifft es auch Retuscheur Schuricht.

Es war das Jahr der Hochinflation, wo Arbeiter und Angestellte nach den Zahlen auf den Geldscheinen Millionäre waren, dafür aber kaum ein Brot kaufen konnten.

Familienmensch, begabt, gebildet und belesen

Trotz der wirtschaftlich katastrophalen Lage in Deutschland wird das Jahr 1924 für Oswald und seine junge Familie ein Glücksjahr. Gleich zu Anfang erhält er wieder Arbeit im Beruf bei der "Vereinigten chemigrafischen Kunstanstalt A. Machleb" in Chemnitz.

Im Mai 1924 heiratet er Marie Elsa Clauß. Sie ist die Tochter eines bekannten Stellmachers aus dem Ort und später selbst Damenschneidermeisterin. Schon bald wird die gemeinsame Tochter geboren.

In den Jahren bis zum Zweiten Weltkrieg liegt in jeder Beziehung für den jungen Ehemann eine schaffensreiche Zeit. Im Beruf fertigt er die Abbildungen für viele Werbedrucke der Textil- und Werkzeugmaschinenindustrie. Am Claußnitzer Wohnort entstehen zu dieser Zeit zahlreiche Zeichnungen und Gemälde mit Ansichten aus seinem unmittelbaren Umfeld.

Der Anger, der "Rote Hirsch", die idyllischen kleinen Häusleranwesen am Schulweg und die Natur um das Dorf waren seine Motive. Nicht wenig davon sind Skizzen geblieben, vieles an Porträts hat er auch im Familienkreise verschenkt.

Der junge Familienvater war ganz Familienmensch aber auch Sportler und im Turnerrat aktiv.

Im familiären Umfeld habe es schon damals ein Motorrad gegeben. Auch Oswald war davon sehr angetan. Doch bei einer seiner Motorradfahrten sei der Dorfbach wohl doch etwas zu nahe gewesen...

Ansonsten war er als Ehemann einer Schneidermeisterin immer korrekt mit Anzug und Krawatte gekleidet, wenn er durchs Dorf ging. Ein gebildeter Mann, arbeitsam, fromm und bürgerlich. Im Zweiten Weltkrieg ist er mit Mitte vierzig wohl noch einmal für kurze Zeit Soldat gewesen. Es gibt ein Bild davon.

Als die Zeiten sich nach 1945  änderten, blieb Oswald Schuricht sich selbst treu. Auf Arbeit in der Großstadt retuschierte er Werbefotos für die Industrie und zuhause hat er hin und wieder gemalt. Seine letzte Arbeitsstelle war im VEB Druckhaus Chemnitz.

Ruhejahre ?

Unsicher war er nur eine Weile, als er 1963 vor der Entscheidung stand, mit dem 65. Geburtstag seinen Arbeitskittel an den Nagel zu hängen. Doch dann entschied er sich für das Familienleben zuhause in Claußnitz.  

So entstanden noch einige schöne Bilder und Schnitzereien. Die Mehrzahl seiner Zeichnungen sind detailreich und eng an der Natur orientiert. Doch nicht immer malte er so wie Andere es sahen, manchmal sah und empfand der Maler auch ganz mit den  Augen des Künstlers.  

Wenn er jetzt, wie er es gern tat, durch den Ort ging, war er bekannt und geachtet. Die Kinder aber liebten die Kalmus -Bonbons, die der alte Mann vergab. Unaufdringlich nahm er Anteil an den Freuden und Sorgen seiner Nachbarn. Manchmal gab er Rat beim Hausbau und bei Gestaltungsfragen. 

Mit zunehmendem Alter ließen die körperliche und zuletzt auch die geistige Spannkraft nach. Der Pinsel in der Hand des alten Perfektionisten gehorchte nur noch unwillig. Gemalt hat er da nur noch wenig. Der Bitte um ein Bild wich er jetzt aus oder verlangte es gar zurück.  Mit zunehmendem Alter ist er wohl manchmal unsicher geworden.  Seit dem Tod seiner Frau im Jahre 1971 blieb er allein. 

Am 1. Dezember 1986 verstarb Oswald Schuricht, der professionelle Bildbearbeiter und Claußnitzer Heimatmaler im 88. Lebensjahr.  Manche sagen er sei ein Claußnitzer Original gewesen. 

D. Pätzold

 
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